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Galerie Förster

Jinran Kim

"After the Rain" - Malerei

7. September - 20. Oktober 2012

 

Berlin, wie Jinran Kim es sieht

Jinran Kim, in Seoul geboren, ist eine Künstlerin, die international agiert. Für die Expo 2012 in Korea hat sie eine 6 m große Medieninstallation gemacht, und sie hat u.a. in Genf, Tokio und Paris ausgestellt. Auch in Berlin waren ihre Arbeiten schon zu sehen. Seit fast 20 Jahren lebt sie hier, und von Anfang an hat Berlin ihre Kunst geprägt, als Katalysator für Fragen, die ihre Arbeit grundieren:

„Ich war 26, als ich 1994 nach Berlin kam. Ich habe an der UdK studiert, und für mich war Berlin Kulturschock pur. Ich war isoliert und entwurzelt, und natürlich habe ich mich gefragt, wo eigentlich mein Zuhause ist.“

Die Antwort ist ein Kunstwerk, das „Die letzten Matratzen“ heißt und aus Nachbildungen besteht - von Matratzen, die jeweils die letzten waren, die ihre Besitzer nutzten, bevor sie starben: „Wenn mich als Künstlerin jemand fragt, wo mein Zuhause ist, sage ich: da wo meine Matratze ist. Das Letzte, was ich auf dieser Welt brauchen werde, ist eine Matratze, und diese Matratze wird mein Zuhause sein.“

Ein Zuhause also ist Berlin für Kim nicht, aber ein immerwährendes Faszinosum. Und das wird auf der aktuellen Ausstellung so deutlich wie nie zuvor: Zu sehen sind großformatige Gemälde, 2 m hoch und 2 m breit, ganz in Grau, Anthrazit und Schwarz. Wuchtig wirken die Bilder, und das trotz ihrer Farblosigkeit. Denn das Graue ist Rauch, der sich ballt nach einer Detonation, deren Grollen man noch zu hören meint, und das, was da in Schutt und Asche versinkt, ist Berlin. Man sieht es sofort, denn man kennt die Fotos, die 1945 entstanden. Fast wirkt es, als habe Kim sie  abgemalt, doch dann plötzlich fällt auf, was anders ist: Auf den Fotos waren fast immer auch Menschen, und die gibt es bei Kim nicht mehr – was ihre Bilder gespenstisch macht und einen beinah metaphysischen Horror reanimiert, den die Fotos längst nicht mehr transportieren.

So grauenhaft die Botschaft dieser Bilder ist – die Ruinen, wie Kim sie malt, sind schön, einfach schön. Der Rezensent Torsten Flueh hat auf eine kunstgeschichtliche Tradition verwiesen,  die das Motiv der Ruine seit rund 500 Jahren kenne, als Kulisse etwa oder auch als Symbol für einen Verlust, den man betrauere. Bei Jinran Kim zeugen die Ruinen nicht von Verlust, sondern von Vernichtung, von töten und getötet werden.

„In Seoul“, so Kim, „gibt es keine Ruinen, obwohl Seoul wie Berlin in Schutt und Asche lag, nicht 1945, aber 1953, nach dem Korea Krieg. In Seoul hat man einfach abgerissen, alles ist neu, es gibt nichts, was an den Krieg erinnert, rein äußerlich zumindest nicht.“ Dass man eine Ruine so konserviere wie etwa die Klosterkirche gleich neben ihrem Atelier, immerhin mitten in der Stadt am Alexanderplatz, sei undenkbar. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Kim die Ruinen und das, was sie „sagen“ über Berlin, so deutlich wahrnimmt - deutlicher als viele, die in Berlin geboren sind. Und die in Ruinen nicht tote Menschen, sondern nur Ruinen sehen.

Dorothee Robrecht, 2012

 

 

Ruinen - Berlin

Die koreanische Malerin Jinran Kim lebt seit mehreren Jahren in Berlin. Sie ist fasziniert von Berliner Ruinen und Trümmerlandschaften. Aus dieser Faszination hat sich eine ganze Serie von Ruinen-Bildern in unterschiedlichen Formaten herausgearbeitet.

Aus den Trümmerlandschaften schälen sich Ruinen hervor. Die Ruinen werden in einem Moment der Stille und Leere inszeniert. Die koreanischen Geishas in ihren langen Kleidern verstärken eher die Leere, als dass sie sie durchbrechen. Die Ruine in einer Zwischenzeit. Was ist passiert? Was wird passieren? Und was passiert mit dem Betrachter? Ruinen halten sich zwischen einem Nicht-mehr und Noch-nicht. 

Ruinen zeugen von einer Zerstörung, die stattgefunden hat. Aber sie sind noch keine Denk­mäler. Mit der zerstörten, von Menschen zerstörten Architektur sind noch tiefer gehende Konstruktionen zerstört worden. Von den Konstruktionen gibt es nunmehr Reste. Wenn einzelne Ruinen enttrümmert sein werden, wenn ganze Ruinenlandschaften im Aufbau verschluckt sein werden, wenn nur noch einzelne Ruinen als Denkmale (re-)konstruiert sein werden, dann wird es die Ruine als Rest von Stahlgerippen nicht mehr geben. Sie wird etwas anderes geworden sein.

Bei Jinran Kim kommen die Ruinen anders ins Bild. Das hat nicht zuletzt etwas mit der Verschränkung von Photographie und Ruine zu tun. Jinran Kim kennt die Trümmerlandschaften von Berlin nur von Photos. Doch die Ruinen, die Kim überwiegend als Denkmäler in Berlin begegnet sind, haben die Photos für sie auf rätselhafte Weise lebendig gemacht. Die Ruinen sind ihr als Künstlerin sozusagen nahe gekommen und haben einen kreativen Prozess zwischen Photographie, Tuschmalerei und Erinnerung in Gang gesetzt. Kims Ruinen wirken seltsam präsent und abwesend zugleich. Die schwankende Präsenz der Ruinen hält sich in einem Raum von photorealistischer Wiedergabe und surrealer Bildfindung.

In einem Gespräch hat Kim gesagt, dass sie die Ruinen in Berlin auch deshalb interessieren, weil es beispielsweise in Seoul gar keine Ruinen gibt. Eine Ruine, wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die wahrscheinlich wie kein anderes Monument zumindest bis 1989 ein Symbol für West-Berlin nach 1945 geworden ist, wird es in Seoul nicht geben. Die West-Berliner nannten die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vieldeutig „Der faule Zahn“. Das habe ich schon lange nicht mehr gehört. Denn ein fauler Zahn tut weh.

Faule Zähne gibt es im Stadtbild Seouls sicher nicht, weil schon der Baugrund zu teuer ist. Von Shanghai weiß ich aus eigener Anschauung, dass Hochhäuser, die Mitte der 90er Jahre der Stolz ganzer Stadtviertel waren, mittlerweile abgerissen und durch höhere ersetzt wurden. Aber man muss nicht einmal so weit fahren. Doro Carl und Claudia Reiche haben mit demo_lition (2011) einen Film über den Abrisswahn in der Freien und Hansestadt Hamburg gedreht. Ständig verschwinden Häuser, die unrentable sind, und werden an deren Stelle neue gebaut, die eine höhere Rendite versprechen. Ruinen haben da ganz und gar keinen Platz.

Ruinen bringen keine Rendite. Ruinen als Denkmäler sind sogar im Unterhalt sehr teuer, wie man in Berlin vom Ruinen-Monument der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche weiß. Heute werden modernste Materialien und Techniken eingesetzt, um den Verfall der Ruine zu stoppen. In Seoul gibt es die Kultur der Ruine nicht. Sie stellt keinen Wert dar. Sie ist nicht nur wertlos, sondern verhindert ein finanztechnisches Renditestreben. Damit macht Jinran Kim mit ihren Ruinen-Bildern auf zwei Bewegungen aufmerksam. Sie rückt die Ruine als Ruine den Betrachtern wieder vor Augen. Nicht Sentimentalität oder Horror lösen die Ruinen aus, sondern ein Innehalten. In einer zweiten Bewegung bekommt die Ruine etwas Sperriges, Widerständiges. Und sie widerstrebt der Ideologie der Rendite.

Dr. Torsten Flueh